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Alles so schön bunt hier

Im Oktober 2020 wurde ich 60 Jahre alt. Anlass für mich, im noch jungfräulichen Silver-Surfer Alter auf alte Zeiten zurückzublicken und zugleich in die Zukunft zu schauen. Keine Sorge geschätzte Leser*innen - dieser Text wird kein Roman. Nur ein Ausschnitt, eine punktuelle Beleuchtung zwischen einst und jetzt und dem, was da kommen mag.

Ich oute mich in meiner aktuellen Gegenwartsmoderne - ich bin ein Fan der 1970er Jahre. Die Dekade meiner pubertierenden Jugend und zugleich Aufbruch- und Entfaltungszeit in alle möglichen Richtungen wider des allgemeinen Mainstream. Die Pop-Kultur wurde in den 1970er - nicht geboren - aber gesellschaftlich etabliert.

Willst Du viel - spül mit Pril. Küchenkachelwände wurden mit bunten Pril-Blumen-Stickers verziert. In glitzernden Kostümen sangen Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid „Waterloo“ und gewannen den Eurovision Song Contest. Günter Netzer, Paul Breitner, Sepp Maier und Gerhard Müller waren so etwas wie die „Fab Four Freaks“ des deutschen Fußballs. Unter den Disko-Kugeln ging nachts im schrillen Outfit auf dem Dance Floor die Post ab und zuhause wurde das dumpfbraune Sofa durch eine Couch in lindgrün oder grellblau ersetzt. Nachdem zuvor die faden Wohnzimmerwände mit farbenfrohen Muster-Tapeten neu gestaltet wurden. Lila wurde die Farbe der damals so genannten Frauenbewegung und Luigi Colani gestaltete die Welt aus Ecken und Kanten in gerundete Design-Formen um. Ich war 16 und sie 31 - und es war Sommer. Die 1970er Jahre - ein kunterbuntes Pop-Jahrzehnt als Aufbruch-Signal für die Vielfalt gesellschaftlicher Strömungen. Fast alle waren hip ohne das der Begriff des Hipsters existierte.

Moden kommen und gehen. Und machmal leben alte Moden auch wieder neu auf. Das nennt man dann Retro-Chic. Die FDP hat aktuell im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg 2021 ihr vor rund fünf Jahren etabliertes neues CI-Design Konzept nun auf die Spitze getrieben. Kam das neue und ursprünglich bereits recht schreierische Design in Cyan, Magenta und Gelb noch recht gut gegliedert und auch in den Text-Botschaften pfiffig formuliert daher, gefährden uns die Liberalen nun mit plakatiertem und gepostetem Augenkrebs im politischen Diskurs. Da waren die Pril-Blumen Dekorationen im Küchen-Ambiente meiner Jugend in der 1970er Jahren vergleichsweise nur ein bunter Farb-Akzent im Alltagsgrau.

Dr. Hans-Ulrich Rülke, Spitzenkandidat der Liberalen im Ländle, mag sich mit seiner Partei als Impulsgeber verstehen, aber Pforzheim ist kein Woodstock und Rülke ist nicht Jimi Hendrix.
Man versteht zwar irgendwie, dass sich die Liberalen unter und mit Christian Lindner als notorische 5plusX Partei in der Wählergunst Wahl um Wahl immer wieder aufs Neue hochschrauben wollen (Stichwort 18% Westerwelle-Schuhsohle), aber so wird das nichts - zumindest aus werblicher Sicht.
Ja - mit Plakaten, Postillen und Postings allein, gewinnt man keine Wahlen. Und - ja auch - Wahlwerbung wird fast immer kritisiert, egal wie gut oder wie schlecht sie gemacht ist. Und dennoch, aus dem visuellen Erscheinungsbild sind Rückschlüsse auf die dahinter steckenden Inhalte ziehbar.
Spätestens ab dem Tag, als es hieß „Video Killed The Radiostar“.

Die deutschen Liberalen müssen sich unter und mit Christian Lindner mehr Gedanken über die Substanz im politischen Diskurs machen, statt allzu schrill auf eine rein mediale Performance zu setzen.
Nichts gegen Medien-Präsenz auf allen Kanälen, aber ein kunterbuntes Image allein - zumal in der aktuellen Wahlkampf-Kampagne 2021 der FDP in Baden-Württemberg grafisch schlecht in Szene gesetzt - verstört eher, statt neue Wählerschichten durch inhaltlich fundierte Angebote zu gewinnen.

Übrigens, hatte ich schon erwähnt, warum ich die 1970er Jahre auch liebe, neben all dem Bunten und Schrillen? Wegen der Sozial-Liberalen Koalition. Im Schlaf rede ich gelegentlich mit Ralf Darendorf, Träger des „Order Of The British Empire“ und… aber lassen wir das.

Ausblick. Das Wahlergebnis bei der kommenden Landtagswahl in Baden-Württemberg am 14. 03. 2021 - so mein Orakel-Statement noch bevor Frank Brettschneider in der Universität Hohemheim oraklet - wird im Ergebnis nicht zu einer machbaren Zwei-Parteien-Koalition führen, sondern ein Drei-Parteien-Bündnis in Ba#den-Württemberg auf den Plan rufen. Ob die FDP neben CDU, GRÜNEN und SPD unter Dreien aus Vieren mit dabei sein wird, das wird sich erweisen. Vermutlich absehbar ist allerdings jetzt schon eine Personalie - die Tage von Susanne Eisenmann dürften gezählt sein. Im Wahlkampf, an der Wahlurne und dann nach der Wahl auch in der Partei. Zu schlechte Inzidenzwerte im politischen Geschäft.

Vielleicht lernt Dr. Rülke ja in den kommenden Wochen noch - im übertragenden Sinne - „Hey Jo“ auf der Strom-Gitarre zu spielen und zu singen. Ohne im visuellen Rausch aus Cyan, Magenta und Gelb seitens der werbenden Lead-Agentur auf der Bühne im Wahlkampf unterzugehen. Ich schätze ihn als politischen Rock’n Roller und es würde mich freuen, wenn es am Ende des Tages heißt - The Best Live Long.

0711 · EIN KESSEL BUNTES
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