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Die Malle-Falle

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Laut der deutschsprachigen Online-Ausgabe der MALLORCA ZEITUNG lag der durchschnittliche 7-Tage Inzidenzwert für Mallorca am 19. 03. 2021 bei 24,66 (Balearen insgesamt 23,14) und wird derzeit in diesem Wertebereich – wenn auch mit sehr kleiner Steigerungstendenz – als stabil bewertet.

In 20 Gemeinden auf der Insel wurden in den sieben Tagen vor dem 19. 03. 2021 keine neuen Ansteckungen identifiziert bzw. registriert.

In neun Gemeinden liegen die Inzidenzwerte über 50. Zwischen 50 und 100 in 5 Gemeinden, zwischen 100 und 200 in 2 Gemeinden und in weiteren zwei Gemeinden bei 471 und bei 728. Allerdings handelt es sich im Falle der enorm hohen Inzidenzwerte um sehr kleine Gemeinden mit rund 200 bis 1.500 Einwohnern, sodass sich bereits bei einer oder nur einem knappen Dutzend nominal Infizierter ein enorm hoher Inzidenzwert ergibt.

In weiteren 24 Gemeinden liegen die Inzidenzwerte zwischen 5 und 44.

Der mallorquinische Hotelierverband FEHM gibt an, dass aktuell 57 Hotels geöffnet sind und in den kommenden Tagen in Richtung Oster-Saison noch mal weitere 36 Hotels geöffnet werden. Mit dann 93 Hotels sind rund 11% der Beherbergungsbetriebe auf der Insel für Touristen geöffnet (vergl. Oster-Saison 2019 mit 722 geöffneten Hotels.

Insgesamt werden seitens des Hotelierverbandes und der Behörden die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen als sehr gut bewertet. Die Einreise auf die spanische Insel beginnt bereits nach der Landung auf dem Flughafen Palma de Mallorca mit der zwingenden Vorlage eines negativen PCR-Tests, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Wärmemonitore am Flughafen messen die Körpertemperatur der Reisenden, die davon allerdings nichts mitbekommen.

Für die Touristen gelten dieselben Maßnahmen und Auflagen, wie für die einheimische Bevölkerung. Dies betrifft in großen Teilen auch die diversen Sperrstunden, allerdings nicht innerhalb der Hotels und für die Hotelgäste. Außerhalb müssen Restaurants, Bars und Cafés um 17:00 Uhr schließen. Bis 22:00 Uhr darf dann nur noch Essen zum Mitnehmen verkauft bzw. ausgeliefert werden. Ab 22:00 Uhr herrscht allgemeine Ausgangssperre.

Die Gastronomie innerhalb der Hotelbetriebe darf über die inselweit gültigen Schließungszeiten hinaus, die hauseigenen Gäste weiter bewirten. Auch die Sperrstunde ab 22.00 Uhr gilt für Hotelgäste nicht zwingend, sondern nur als empfehlender Hinweis seitens der Hotelbetriebe.

Zusätzlich hat man sich im mallorquinischen Hotelgewerbe nach hitzigen Debatten darauf geeinigt, dass Gäste, die sich ein Zimmer teilen, eine Erklärung (die „"Declaración responsable“) unterschreiben sollen, in der sie versichern, dass sie im Heimatland auch in einem gemeinsamen Haushalt zusammen leben. Ob dieses Verfahren angewendet wird, obliegt nach aktuellem Informationsstand der Entscheidung des jeweiligen Hotels, wobei sich einige Hotels bereits dazu verpflichtet haben. Eine detaillierte Personalienüberprüfung soll jedoch nicht stattfinden; man verlässt sich auf die Angaben der Gäste.

Die für die gesamten Balearen zuständige Gesundheitsministerin Patricia Gómez sieht die aktuelle Situation vor und besonders zu Ostern mit eher gemischten Gefühlen. "Wahrscheinlich kommt es eher innerhalb der Balearen zu Ansteckungen, weil wir Einheimische uns untereinander anstecken, uns zwischen den Inseln und auf der Insel fortbewegen und uns mit den Familien treffen. Derzeit glauben wir im Gesundheitsministerium, dass diese Art der Mobilität weniger sicher ist als die Mobilität der Leute von außerhalb, weil die Urlauber als Familien kommen und nicht so viel mit anderen in Kontakt treten."

Sie spielte damit auf den Umstand an, dass die Touristen ja getestet einreisen, größtenteils in Hotels untergebracht sind und sich eher in bekannten touristischen Regionen aufhalten, während die Einheimischen über Ostern möglicherweise - kreuz und quer über die Balearen verteilt – ihre Liebsten besuchen würden. Ein Szenario, dass man dann weniger unter Kontrolle hätte. Da ist etwas dran.

Die Bedenken der spanischen Politikerin haben ihr jedoch flugs den Vorwurf eingebracht, sie hielte die eigene Bevölkerung für weniger vernünftig bei der Beachtung von Schutzmaßnahmen, als die ausländischen Touristen. Und die kämen doch vorwiegend aus europäischen Ländern mit aktuell wieder stark steigenden Inzidenzwerten, während sich die Balearen über einige Wochen hinweg wacker unterhalb des Inzidenzwertes von 50 gehalten haben. Auch an diesem Argument ist etwas dran. Insgesamt jedoch scheinen die Balearen mit dem Hauptreiseziel Mallorca recht gut gerüstet zu sein, wenn die deutschen Ferienflieger ihre Passagiere anliefern.

An einem weiteren Argument kommt man auch nicht vorbei. Manuela Schwesig, die ja auch ein Land mit Hotels am Strand regiert, regte sich auf, "Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung Urlaub auf Mallorca ermöglicht und gleichzeitig kein Urlaub im eigenen Bundesland möglich ist." Die Frage, wie viele Spanier gerne auf Rügen Urlaub machen würden und wie viele Mecklenburg-Vorpommerianer über Ostern nach Mallorca fliegen, wird hier nicht weiter erörtert.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woitke – Herr der Kiefernwälder und neuerdings auch Landesvater mit Automobilstandort – machte hinsichtlich der deutschen Malle-Sause über Ostern noch schärfer klar, "Ich bin der festen Überzeugung, dass das unweigerlich dazu führen wird, dass Mallorca eine Virus-Brutstätte werden wird."

Auch andere Ministerpräsident*innen äußerten sich teilweise sorgenvoll über die österliche Reisewelle mit Ziel Mallorca. Nach dem Motto – wehe wenn sie zurückkommen. Und so hängt bereits dieser Tage, kaum sind die ersten Flieger in Richtung des „17. Bundeslandes“ unterwegs, die Forderung nach der Wiedereinführung von Tests und Quarantänemaßnahmen für die Reiserückkehrer, wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Kurzurlauber. Klüger wäre es gewesen, wenn die deutschen Auflagen und Verordnungen für Reisen in Richtung Balearen über Ostern erst gar nicht gelockert worden wären, egal was die spanischen Inzidenzwerte sagen.

Die Kanzlerin soll im Verein mit Heiko Maas möglichst schon am 22. 03. 2021, wenn sich alle Ministerpräsident*innen der 16 Bundesländer (ohne Mallorca mit am Tisch) erneut zum großen Pandemie-Pow-How treffen, nun ein Machtwort sprechen. Oder anders ausgedrückt, sie soll den reisefreudigen Teilen der deutschen Bevölkerung sowie der Tourismusbranche zurufen, „Ätschi-Bätschi“. Ihr dürft nur wieder nach Hause, wenn ihr euch nach dem Urlaub auf Mallorca oder anderen Balearen-Inseln mindestens eine Woche lang in Quarantäne begebt und zwischendurch zwei, drei Mal zum Testen geht. Ach du dickes Osterei! Ziemlich spät, fast zu spät, aber besser spät als nie.

Das der Hase in diese Richtung laufen wird, ist im Zuge der bisherigen Hin-und-Her-Strategie der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen sehr wahrscheinlich. Den Begriff dafür hat man ja schon vorher definiert – Notbremse.

Und was passiert, wenn man eine Notbremse zieht? Genau es rumpelt gehörig und zwar im Zug. Dieser selbst wird kontrolliert gebremst, bleibt im Gleis, aber die Fahrgäste und das Gepäck haut es plötzlich aus den Sitzen und Regalen. Ein kurzer Schock, der Zug steht schließlich still. Gefahr gebannt und alle sind soweit OK. Puh – noch mal gutgegangen.

Auf die gesellschaftspolitischen Verhältnisse übertragen, wird eine solche „Notbremsung“ als Abwehrmaßnahme wider die Gefahr der Infektions- und Inzidenzsteigerung durch Urlaubsrückkehrer, jedoch weniger glimpflich ablaufen. Erst hieß es politisch - Gleis frei, dann heißt es politisch - Gleis gesperrt. Ständig werden in Berlin und in den Regierungszentralen der Länder die Weichen neu gestellt. Im Monatsrhythmus, inzwischen fast alle 14-Tage, fährt der Corona-Krisen-Zug in Deutschland schlingernd in eine andere Richtung. Rumpeldipumpel. Und am Ende des Tunnels leuchtet weiterhin ein Licht.

Doch wir werden wohl noch lange nicht erfahren, was da im Lichte am Ende leuchtet, weil unser Zug längst vor Einfahrt in den Tunnel aus den Gleisen gesprungen ist. So ist das eben, wenn der Fahrplan falsch getaktet wurde und das Zugpersonal überfordert ist. In diesem Sinne – frohe Ostern und noch frohere Pfingsten im Frust-Föderalismus.

Doch Frust, Leid, Spaß und Freude liegen bekannter Weise dicht beieinander. Und so bleiben uns als Trost im drohenden Unheil der dritten Welle, immerhin die Mut und Hoffnung machenden Texte aus dem Schinkenstraßen-Ballermann-Repertoire, wie der Mega-Hit von Peter Wackel - „Aber Sch**ß drauf. Der Kopf tut weh die Beine auch. Ich hab‘ heute so ein komisches grummeln im Bauch. Wen wundert‘s, dass mir schlecht ist, Mallorca ist hart.“

Oder vom Super-Star Icke Hüftgold - „Hackevoll durch die Nacht bis ein neuer Tag erwacht. Hackevoll einfach raus, mach‘ die nächste Flasche auf.“

Also wirklich Leute, wir müssen aufhören, weniger zu trinken.

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