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Querköpfe mit kruder Denke · Teil 1: In der Krise ist der Mensch nicht gern alleine

Mit Sicherheit trifft das aus der Mitte des zurückliegenden Jahrhunderts überlieferte Statement von Theodor W. Adorno - es gibt kein richtiges Leben im falschen - weiterhin zu. Zutreffend ist allerdings auch, dass es seit einigen Jahren in der deutschen Gesellschaft zunehmend auch mehr Krudes im Konkreten gibt.

Jüngstes Beispiel ist die Initiative „Querdenken“ des Stuttgarter Unternehmers Michael Ballweg. Seit Anfang April 2020 nimmt diese Initiative das Krisenbewältigungsmanagement der Bundesregierung sowie der Länder und Kommunen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie zum Anlass, um auf Demonstrationskundgebungen zur Bewahrung und Aufrechterhaltung des Grundgesetzes aufzurufen. Dieses sieht die Querdenken-Initiative insbesondere durch Gesetzgebungen und Verordnungen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie gefährdet bzw. in Teilen angeblich bereits außer Kraft gesetzt.

Ein echtes politisches Programm mit konkreten Inhalten hat die Initiative „Querdenken“ nicht vorzuweisen, sondern formuliert lediglich als „Unser Manifest“ eine knappe und lapidare Mischung aus Behauptungen und Forderungen, ohne dabei zu den angeblichen Einschränkungen oder gar Außerkraftsetzungen der im Einzelnen aufgezählten Grundgesetzartikel konkrete Anmerkungen zu formulieren. Man beklagt ganz allgemein Mängel, kann diese aber mit keiner Silbe benennen, geschweige denn Vorschläge zur Mängelbeseitigung machen. Auf dem Online-Portal von Querdenken heißt es, Zitat:

„Wir bestehen auf die ersten 20 Artikel unserer Verfassung, insbesondere auf die Aufhebung der Einschränkungen durch die Corona-Verordnung von:

Artikel 1: Menschenwürde - Menschenrechte - Rechtsverbindlichkeit der Grundrechte; Artikel 2: Persönliche Freiheitsrechte; Artikel 4: Glaubens- und Gewissensfreiheit, Artikel 5: Freiheit der Meinung, Kunst und Wissenschaft, Artikel 7: Schulwesen, Artikel 8: Versammlungsfreiheit, Artikel 11: Freizügigkeit, Artikel 12: Berufsfreiheit, Artikel 13: Unverletzlichkeit der Wohnung“

Weiterhin bekundet man: „Wir sind überparteilich und schließen keine Meinung aus - nach Wiederherstellung des Grundgesetzes sind dafür wieder alle demokratischen Mittel vorhanden.“ Dieser Satz bleibt unverständlich. "Nach Wiederherstellung des Grundgesetzes" suggeriert hier plötzlich, dass das gesamte Grundgesetz außer Kraft sei und deshalb wiederhergestellt werden müsse.

Abschließend heißt es dann am Ende des so genannten Manifestes: „Wir fordern, alle Parteien auf, Ihr Parteiprogramm auf die neue Lage anzupassen und den Bürgern darzustellen, wie und unter welchen Lebensumständen in der Sonderlage Pandemie zu rechnen ist. Die Versammlungen dienen ausschließlich der Erreichung der oben genannten Ziele.“ Neuwahlen im Oktober 2020 werden zusätzlich gefordert. Auf anderen regionalen Querdenker-Portalen im Netz sind teilweise zusätzliche Forderungen zu finden.

Von eigenständigen Vorschlägen zur Verbesserung der allgemein kritisierten Situation keine Spur. Irgendwie nur ein Quer ohne erkennbare Denke. Auf dem Internet-Portal der Initiative rund um Michael Ballweg hat man zusätzlich allerlei Fremd-Beiträge aus dem Netz verlinkt und ein gutes Dutzend PDF-Dokumente mit Anfragen an und Antworten von Behörden und Regierungsinstitutionen zum Download bereitgestellt.

Neben dem Initiator selbst sind keine weiteren Personen der Initiative klar zu identifizieren. Die Personen des Organisationsteams mit allerlei einzelnen Zuständigkeitsbereichen werden lediglich mit ihrem Vornamen ohne weitere Möglichkeit zur Kontakt-Aufnahme genannt. Verwunderlich ist zumindest, dass eine Initiative, die sich so sehr für Demokratie, eine offene und freie Gesellschaft sowie für die Wahrung des Grundgesetzes engagiert, ihre eigenen Akteur*innen nicht klar benennt. Einzig Michael Ballweg taucht im Online-Impressum und als Unterzeichner diverser veröffentlichter Schrift-Dokumente auf. Andere Personen im Organisationsteam sind nicht näher identifizierbar oder zuzuordnen.

In einem Video-Beitrag (hochgeladen auf YouTube am 18. Mai 2020, nach der Demo-Kundgebung am 16. Mai 2020) sagt Michael Ballweg in einer persönlichen Erklärung, dass „… wir jetzt keine Groß-Demo mehr in Stuttgart machen…“, sondern das man zur Ballübergabe aufruft, damit andere die Aktivitäten fortsetzen. Dazu Ballwegs Begründung, „… weil jetzt die Bewegung soviel Masse mobilisiert hat, dass die Eigendynamik so stark werden kann und wird, wenn jetzt jeder einzelne von euch sich nicht mehr darauf verlässt, dass wir zentral eine Demo organisieren, sondern ihr dürft alle kleine Querdenker sein. Schafft euch in eurem Raum, die Möglichkeiten, nutzt die Möglichkeiten die ihr habt, um aktiv zu werden.“

An ein Goethe-Zitat referierend, endet er dann in seinem Video-Beitrag damit, dass man in Stuttgart für die Querdenken-Bewegung eine starke Verwurzelung geschaffen habe, die bundesweit ausstrahlt und der man nun Flügel geben müsse, damit sie in die ganze Welt ausstrahlt.

Am selben Wochenende, am Ende der Demo-Kundgebung vom 16. Mai 2020 sitzt Michael Ballweg während einer improvisierten Presse-Konferenz locker im Schneidersitz auf dem Boden und wird von einem DPA-Journalisten gefragt, ob er (Ballweg) nun sein politisches Engagement beendet und wie es mit der Bewegung „Querdenken" weitergehe? Ballweg gibt zur Antwort, dass sich die Bewegung inzwischen in vielen Städten etabliert hat und in Stuttgart nun jemand anderes die Aktivitäten von Querdenken 711 vor Ort weiterführen kann. Auf Nachfrage des DPA-Journalisten, „Aber für Sie ist Schluss?“, antwortet Ballweg: „Für mich ist jetzt erst mal Schluss, ja.“

Auf den dann ab dem 16. Mai 2020 kommenden Demo-Veranstaltungen von Querdenken 711 steht Michael Ballweg dennoch wieder als Redner auf der Veranstaltungsbühne, eröffnet die Veranstaltungen. liefert Rede-Beiträge, organisiert mit und tourt weiter rum. Nach wie vor bis zum heutigen Tage (sechs Wochen nach seinem angeblichen Rückzug als „Macher“ und Organisator).

Am 07. Juni 2020 steht er auf dem Gelände des Alten Golfplatzes in Leonberg auf der Bühne (in Stuttgart stand das zuvor genutzte Gelände Cannstatter Wasen wegen anderer Veranstaltungsnutzungen nicht mehr zur Verfügung). Nach Leonberg, so beginnt er dort seine Rede, ist er gekommen, weil “… letztendlich führt uns auch das Universum immer dorthin wo wir sein sollen…“ Ein "magischer Ort" sei das Gelände, weil dort schon vor Jahrzehnten immer wieder spontane Zusammentreffen der Ortsjugend sowie andere Festivitäten stattgefunden haben. Mann nenne das Gelände auch das "kleine Woodstock".

Am 20. Juli 2020 steht Michael Ballweg erneut in vorderster Reihe auf der Bühne, diesmal auf dem Gelände am Unteren Schlossgarten und verkündet seine, einen Tag zuvor schön presseöffentlich gewordene, Kandidatur zur Stuttgarter Oberbürgermeister-Wahl am 08. November 2020. Schlussmachen sieht anders aus.

Die erste Demo-Kundgebung von Querdenken 711 in Stuttgart fand mit rund 180 Teilnehmer*innen (Teilnehmer*innen-Zahlen laut Online-Portal des Veranstalters) am 18. April 2020 statt. Im Zuge der Zeit wurden von weiteren Regional-Initiativen unter jeweils unterschiedlichen Personenverantwortungen Demo-Kundgebungen in weiteren Städten organisiert (adäquat zu Stuttgart, jeweils mit dem Zusatz der örtlichen Telefon-Vorwahlnummer im Namen). Die diversen Online-Präsenzen sind nahezu identisch (was in erster Linie durch technische Vorgaben seitens des genutzten Web-Seiten-Baukastens des Providers GoDaddy bedingt ist). Leichte Unterschiede bestehen nur in der Menge an präsentierten Materialien, wie Bildern, Videos und spärlichen Text-Beiträgen.

Weitere Demo-Kundgebungen in Stuttgart folgten im Wochen-Rhythmus, mit deutlich steigenden Teilnehmer*innenzahlen. So auch am 09. Mai 2020 mit dem Gast-Redner Ken Jebsen, ein Online-Aktivist der allgemein als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird . Mit ca. 20.000 Teilnehmer*innen war diese Demo-Veranstaltung von Querdenken 711 der bisher größte Event - und der schwierigste. Im Vorfeld kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung bei der drei Personen, eine erheblich, verletzt wurden. Des Weiteren brannten in der Nacht von Freitag auf Samstag den 09. Mai 2020 Fahrzeuge mit Veranstaltungsequipment ab, infolge vermuteter Brandstiftung.

Im Wochen-Rhythmus – immer wieder Samstags - wurden die Demo-Kundgebungen bis zum 20. Juni 2020 fortgesetzt und werden wohl auch zukünftig weitergeführt werden. In Stuttgart naht der OB-Wahlkampf und Michael Ballweg wird seine bisherigen Initiativpotentiale sicherlich weiter ausbauen wollen. Zu den Unterstützern, Sympathisanten, Mitstreitern oder wie man die Schar der im Zuge der zurückliegenden Monate präsentierten Redner auf den Demo-Kundgebungen auch nennen mag, gehörten - aus der Sicht bestimmter Personenkreise in der Bevölkerung - illustre Namen.

Neben Ken Jebsen, Rüdiger Dahlke, ein sich selbst so bezeichnender Reinkarnationstherapeut, der u.a. der Auffassung ist, der Mensch könne sich von Licht ernähren. Dahlke sieht in nahezu jeder Erkrankung psychische oder psychosomatische Ursachen und Störungen, die es dann mit allerlei esoterischen Methoden und bestimmten Substanzen zu heilen gilt, z.B. in seinem eigenen Therapie-Zentrum in der Steiermark).

Milorad Krstic, ein Unternehmer aus Dogern nahe der schweizerischen Grenze, bei kommunalen Wahlen gelegentlich für die FDP kandidierend und Autor von banaler Weltverbesserungsprosa, die er auch mal zusammen mit Eva Herman präsentiert. In seinen Werken geht es ihm nach eigener Auskunft um das Aufzeigen dessen, was aus seiner Sicht „…verändert werden muss, damit sich die demokratiegläubige Menschheit nicht selbst in die Sklaverei hineinwählt.“

Thorsten Schulte, genannt der „Silberjunge“, der nicht nur auf den Querdenken-Kundgebungen ein gern gesehener Redner ist, sondern auch auf anderen „Wir-sind-das-Volk“ Veranstaltungen, wie z.B. auf der Pfingstveranstaltung von PEGIDA am 01. Juni 2020 in Dresden. Schulte ist ein ehemaliger Investmentbanker und mittlerweile selbständiger Unternehmensberater. Als Autor veröffentlichte er eine Hand voll Bücher zur Geld- und Finanzpolitik sowie anderen Politikfeldern. Auf Veranstaltungen der AfD hält er Vorträge bzw. Reden, die Thesen seiner Bücher zum Inhalt haben. Sein drittes Buch „Kontrollverlust“ schaffte es 2017 auf die Sachbuch-Bestsellerliste des SPIEGEL.

Der Literaturkritiker Denis Scheck bewertete das Buch Ende November 2017 in seiner Sendung „Druckfrisch“ als das Werk eines „durchgeknallten Verschwörungstheoretikers“ und rezensierte: „Selten hatte ich den Eindruck, so direkt an den Stromkreis des populistischen Wahnsinns angekoppelt zu sein wie in diesem Pamphlet eines Investmentbankers, der vor der drohenden Abschaffung unseres Bargelds warnt – und in seinem Appell zur Stärkung individueller Freiheitsrechte auch gleich noch Schusswaffen für alle fordert.“

Auch regelmäßig auf den Querdenker-Kundgebungen mit dabei ist Stephan Bergmann, der Netzwelt inzwischen als der „Mann mit dem roten T-Shirt“ bekannt. Auf dem roten T-Shirt, Bergmanns Markenzeichen, steht der Spruch geschrieben „Ich bin schön, Ich bin heil, Ich bin wild, Ich bin frei.“ Kein einfach so dahingeschriebener Spruch, sondern die neue Losung des sektenartig wirkenden Vereins für indianische Lebensweisen e.V. / Peacecrowd, dessen Vorsitzender Stephan Bergmann ist. Mit knapp einem Dutzend Anhängern gehört die Bergmann-Truppe - alle im roten T-Shirt - zum festen Bestandteil der Querdenker-Bewegung.

Xavier Neidoo zeigte sich tief beeindruckt von Stephan Bergmann in einem Video mit Bergmanns Kommentaren während eines Gesprächs zwischen dem Spiegel TV Reporter David Walden und dem „Volkslehrer“ Nikolai Nerling auf der Querdenken-Kundgebung vom 09. Mai 2020. Ein damals wenig dramatisches Wortgeplänkel, aber für Xavier Naidoo Anlass genug, eine Video-Grußbotschaft an Bergmann ins Netz zu stellen. Obwohl er Bergmann nach eigenen Angaben gar nicht kennt. Egal – man zieht ja letztendlich am selben Verschwörungsstrang.

So erklärt Bergmann in einem 15-minütigen YouTube Video-Beitrag vom 24. Mai 2020 (dabei auch direkten Bezug auf die Querdenken Demo-Kundgebungen nehmend) unter dem Titel „Antifa und Rechtsradikale verbinden sich – das Ende von Spaltung und Faschismus“, dass die Antifa und die Rechtsradikalen von der „Dualität in die Polarität“ kommen sollten, damit sich dann, vergleichsweise wie bei einer Batterie, eine gemeinsame Energie bilden kann. ACHTUNG ! STADT wird dem „Mann mit dem roten T-Shirt“ einen gesonderten Artikel widmen.

Ab Ende Mai / Anfang Juni 2020 wird zunehmend häufiger zu schamanisch-sonorischen Trommelklängen und wohlig-wabernden Synthesizer-Beats a lá Klaus Schulze (die älteren Kiffer unter den Lesern erinnern sich noch) getanzt. Fraglich bleibt, ob dieser spirituelle Touch genügt, um Redner und andere Akteure mit ihren, zum Großteil sehr fragwürdigen und oft gar nicht so friedvollen Gesinnungen, im Zaum zu halten. Höchstwahrscheinlich nicht, denn der Widerspruch besteht ja bereits darin, dass die Querdenker-Akteure Redner zu ihren Demo-Kundgebungen einladen, die wahrlich keine Love-Peace-and-Happiness Botschaften verkünden.
Auffällig ist während der kurzen, aber durchaus rasanten Entwicklung von Querdenken 711 - gewissermaßen als der "Mutter“ aller Querdenker-Initiativen - dass sich das Vokabular ebenfalls schnell geändert hat. Zunehmend häufiger ist vom Licht, vom Universum die Rede, von Spiritualität und Bezugnahmen zu religiösen Aspekten

Und schließlich stellt Michael Ballweg das Motto seiner Bewegung um. Der ursprüngliche Slogan „Wir sind das Grundgesetz“ bzw. „Demonstration zum Schutz der Grundrechte“ wird durch die Bezeichnung „Fest für Freiheit und Frieden“ ersetzt. Somit bemüht man sich zumindest per Slogan, dem Vorwurf entgegenzuwirken, dass Querdenken 711 sowie die regionalen Ableger, von radikalen, undemokratischen oder gar verfassungsfeindlichen Kräften vereinnahmt oder unterwandert werden.

Unter den Teilnehmer*innen am 09. Mai 2020 befand sich auch ein Mann aus Plüdershausen, dessen Name in die Annalen der baden-württembergischen Mediengeschichte eingegangen ist. Ein wahrer Meister seines Fachs und wahrscheinlich der bisher verkannteste Reichsbürger in Baden-Württemberg.

Lesen Sie weiter in Teil II: Querköpfe mit kruder Denke · TGH occupies Querdenken 711 >

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VERANSTALTUNGEN ZUR ZEIT NUR ONLINE · NÄCHSTER TERMIN:
16. Juli 2020 · 17:00-18:30 Uhr
Diskussionsthema: "Ein Stadt-Leben ohne Auto? Wandel und Zukunft in der Region"
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